Stellen wir uns zwei Kinder vor, die denselben Spielzeuglaster möchten. Eine Hand greift danach, ein „Nein“ folgt, manchmal auch ein paar Tränen. Dann kommt eine erwachsene Person dazu und begleitet die Situation. Für uns wirkt dieser Moment vielleicht klein. Für ein Kind erzählt er schon sehr viel über das Zusammenleben mit anderen.
Bei Les Petits Tournesols entsteht soziales Lernen genau in solchen Situationen: beim Spielen, beim Essen, bei Aktivitäten, beim Warten, beim Entdecken, bei kleinen Konflikten und in all den gewöhnlichen Momenten eines Krippentages.
Mit anderen zu leben, muss gelernt werden
Großwerden bedeutet nicht nur, selbstständiger zu werden. Ein Kind entdeckt auch, dass andere Menschen eigene Wünsche, ein eigenes Tempo und eigene Gefühle haben. Nach und nach lernt es, in ein Spiel hineinzufinden, eine Idee vorzuschlagen, manchmal zu warten, ein Nein zu hören, Hilfe zu suchen, zusammenzuarbeiten und nach einem Streit wieder anzufangen.
Der luxemburgische nationale Rahmenplan zur non-formalen Bildung beschreibt die Gruppe ausdrücklich als sozialen Lernraum. Im gemeinsamen Spiel werden Kinder ermutigt, ihre Ideen einzubringen, sie an andere Vorschläge anzupassen und nach und nach Kompromisse zu finden. Gleichzeitig weist der Rahmenplan den pädagogischen Fachkräften eine aktive Rolle bei der Begleitung dieser Beziehungen zu.
Eine kleine Gesellschaft auf Augenhöhe der Kinder
Eine andere Alltagsszene: Drei Kinder bauen einen Turm aus Bausteinen. Eines setzt die Steine, ein anderes möchte bestimmen, das dritte beobachtet zunächst. Der Turm fällt um. Jemand protestiert, jemand lacht, dann beginnen sie von vorn. Dafür braucht es keine eigene „Sozialstunde“: Die Situation selbst bietet Gelegenheit, andere wahrzunehmen, den eigenen Platz zu finden und gemeinsam etwas zu tun.
Auch die OECD betont, wie wichtig die täglichen Beziehungen eines Kindes zu anderen Kindern, Fachkräften, Familien und seiner Umgebung sind. Kinder lediglich zusammenzubringen reicht also nicht; entscheidend ist auch, was sie miteinander erleben.
Was unsere Fachkräfte im Alltag konkret tun
Unser pädagogisches Projekt beruht auf sehr konkreten Entscheidungen. Die Teams schaffen zunächst einen sicheren Rahmen und verlässliche Orientierungspunkte. Sie beobachten die Bedürfnisse der Kinder in Bezug auf Schlaf, Essen, Spiel und Interaktion und passen die Begleitung im Alltag daran an. Gleichzeitig respektieren sie das Tempo jedes Kindes: Manche finden schnell in die Gruppe, andere brauchen zunächst mehr Zeit zum Beobachten.
Freies Spiel hat einen festen Platz im Tagesablauf. Es gibt Kindern Raum zum Fantasieren, Ausprobieren und Beobachten, zum Alleinspielen oder dazu, nach und nach in gemeinsames Spiel hineinzufinden. Ergänzend bieten die Fachkräfte altersgerechte sensorische, kreative, motorische, sprachliche und musikalische Aktivitäten an.
Mahlzeiten und Gruppenzeiten sind ebenfalls pädagogische Momente. Unser Projekt sieht vor, Gemeinschaft, Teilen und ein angenehmes Miteinander zu fördern und gleichzeitig alltägliche Schritte zur Selbstständigkeit zu begleiten.
Die Eingewöhnung wird gemeinsam mit den Familien gestaltet: zunächst mit Begegnungen in Anwesenheit eines Elternteils, anschließend mit schrittweisen und angepassten Trennungen. So kann das Kind in Ruhe Orientierung gewinnen, bevor es seinen Platz in der Gruppe vollständig findet.
Wie sich diese Grundsätze in konkreten Einrichtungen wiederfinden, zeigen auch unsere Krippen: Krippe in Kayl, Krippe in Brouch und Krippe in Itzig.
Wichtig
Soziales Lernen findet nicht in einer einzelnen Aktivität statt. Es entsteht daraus, wie der gesamte Tag gestaltet, erlebt und begleitet wird.
Auch ein Streit kann zum Lernen gehören
Wenn zwei Kinder dasselbe Spielzeug möchten, muss das Ziel nicht sein, den Konflikt innerhalb weniger Sekunden verschwinden zu lassen. In einem sicheren und begleiteten Rahmen kann ein Streit ebenfalls eine Lerngelegenheit sein.
Der luxemburgische Rahmenplan weist darauf hin, dass Kinder im Gruppenspiel ganz natürlich unterschiedlichen Ideen begegnen. Die Fachkraft begleitet diese Beziehungen aufmerksam und schafft den passenden Rahmen für soziales Lernen.
Das Ziel ist also nicht eine Kindheit ohne Konflikte. Das Ziel ist, Schritt für Schritt zu entdecken, wie man weiterhin miteinander leben und spielen kann, wenn nicht alle zur gleichen Zeit dasselbe wollen.
Aufmerksame Beziehungen machen einen Unterschied
Auch die Beziehung zu Erwachsenen spielt eine wichtige Rolle. Das Center on the Developing Child der Harvard University hebt einfache, wiederkehrende Wechselwirkungen zwischen einem kleinen Kind und einer aufmerksamen Bezugsperson hervor: Das Kind schaut, zeigt, brabbelt, ruft oder reagiert – und der Erwachsene antwortet. Solche Wechselwirkungen unterstützen unter anderem die frühe Sprachentwicklung und soziale Fähigkeiten.
Im Krippenalltag steckt das oft in sehr kleinen Dingen: auf eine Geste reagieren, gemeinsam ein Lied erleben, eine ruhige Phase begleiten, erst beobachten und dann handeln oder einfach verfügbar sein, wenn ein Kind Kontakt sucht.
Bevor ein Kind lernt, in der Welt zu leben, lernt es, mit anderen zu leben.
Les Petits Tournesols
Jedes Kind findet seinen Platz in seinem Tempo
Soziales Lernen bedeutet nicht, extrovertiert zu werden. Ein Kind geht vielleicht sofort auf andere zu; ein anderes beobachtet lange, bevor es in ein Spiel einsteigt. Unser pädagogischer Ansatz beruht deshalb auf Beobachtung und Respekt vor dem individuellen Tempo.
Entscheidend ist, dass ein Kind einen Platz finden kann, der zu ihm passt – in einem Rahmen, in dem es sich gesehen, sicher und zunehmend wohl im Kontakt mit anderen fühlt.
Eltern und Fachkräfte: zwei Blickwinkel auf dasselbe Kind
Ein Kind kann zu Hause sehr sicher auftreten und in einer Gruppe zurückhaltender sein – oder umgekehrt. Deshalb sind die Gespräche mit den Familien ein fester Bestandteil unseres Projekts. Sie helfen, Beobachtungen zu teilen, Sicherheit zu geben und Kontinuität rund um das Kind zu schaffen.
Zu Hause muss der Alltag nicht in eine Übung verwandelt werden. Spielen, zuhören, auf die Initiativen des Kindes reagieren, benennen, was gerade passiert, und mit den Fachkräften im Austausch bleiben – all das schafft bereits Verbindungen zwischen den verschiedenen Lebenswelten des Kindes.
Gemeinsam wachsen
Wenn wir einer Gruppe von Kindern beim Spielen zusehen, sehen wir vielleicht nur Bausteine, einen Spielzeuglaster, ein Lied oder eine gemeinsame Mahlzeit. Doch hinter diesen einfachen Szenen entsteht sehr viel: vorschlagen, beobachten, warten, mitmachen, ablehnen, kooperieren und nach einem Streit wieder zueinanderfinden.
Tag für Tag lernen Kinder, sie selbst zu werden, ohne die anderen aus dem Blick zu verlieren.
So beginnt Gesellschaft – auf Augenhöhe der Kinder.
Quellen
- Luxemburg — Nationaler Rahmenplan zur non-formalen Bildung im Kindes- und Jugendalter
- OECD — Starting Strong VI: Supporting Meaningful Interactions in Early Childhood Education and Care
- Center on the Developing Child, Harvard University — Serve and Return
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Häufig gestellte Fragen
Was entdeckt ein Kind durch das Leben in der Gruppe?
Es lernt nach und nach, in ein Spiel hineinzufinden, Raum zu teilen, eigene Wünsche auszudrücken, andere wahrzunehmen, zu kooperieren und kleine Konflikte zu bewältigen.
Welche Rolle spielen die Fachkräfte beim sozialen Lernen?
Sie schaffen einen sicheren Rahmen, beobachten Bedürfnisse und Interaktionen, geben verlässliche Orientierung und begleiten das tägliche Zusammenleben in der Gruppe.
Hilft freies Spiel beim Lernen des Miteinanders?
Ja. Freies Spiel gibt Kindern Raum zum Beobachten, Erfinden, Allein- oder Zusammenspielen und dazu, die eigenen Ideen schrittweise an die Gruppe anzupassen.
Sollte ein zurückhaltendes Kind zum Mitspielen gedrängt werden?
Nein. Jedes Kind geht in seinem eigenen Tempo in Beziehung. Wichtig sind ein sicherer Rahmen und Möglichkeiten zur Teilnahme, ohne ein bestimmtes Verhalten aufzuzwingen.
Warum ist der Austausch zwischen Eltern und Fachkräften wichtig?
Kinder können sich zu Hause und in der Gruppe unterschiedlich verhalten. Geteilte Beobachtungen helfen, ihre Bedürfnisse besser zu verstehen und Kontinuität zu schaffen.